Banner_Missbraucht.jpg

 

Aussteiger warnt vor religiösen Fundamentalisten

-Eine Kindheit voller Angst und in ständiger Alarmstimmung-

... Bernd Vogt wächst in dem felsenfesten Glauben auf, dass die Erde nur noch kurze Zeit Bestand haben wird, weil Gott in Kürze seinen »großen Krieg, das Armageddon«, beginnt. Unmittelbar zuvor wird Jesus in den Wolken erscheinen und seine Eltern gemeinsam mit allen wiedergeborenen Christen in einer Nacht- und Nebelaktion in den Himmel abtransportieren. Alle anderen, die hier auf der Erde zurückbleiben, werden unvorstellbar gequält und brennen im ewigen Feuer der Hölle. Bis dahin müssen alle »Weltmenschen«, also die Ungläubigen, missioniert werden. »Es war eine Kindheit voller Angst und in permanenter Alarmstimmung«, sagt er rückblickend. Der kleine Junge erfüllt augenscheinlich die Erwartungen seiner Eltern und der Prediger. In Wahrheit ist er innerlich schon längst zerbrochen. Einen Ausweg gibt es für ihn lange nicht.

Vogt berichtet von einer Kindheit, die er als Außenseiter in Schule und Gesellschaft erlebte. »Während meine Freunde im Fußballverein spielten, später dann in die Disco gingen, musste ich in den christlichen Versammlungen jubeln und beten – ständig überwacht von einem strafenden Gott, der alles sieht und den lieben langen Tag nur mit Gedankenlesen beschäftigt ist. Wie mir doch das Missionieren und die ständigen Zusammenkünfte zum Halse raushingen«, erinnert er sich. Anstatt Spaß mit den Freunden gibt es Bibelarbeit; anstatt weltlicher Musik muss er stundenlange Lobpreis- und Jubelorgien über sich ergehen lassen. »Ich habe die volle Jesus-Dröhnung abbekommen«, sagt Bernd Vogt.

 

Immer wird ihm eingehämmert, als Mensch nicht »in Ordnung« zu sein. Die Ferien muss der Junge auf christlichen Freizeiten verbringen. Dort ging es nur darum, die Kinder auf Spur zu bringen und die Bevölkerung vor Ort zu missionieren. Mit 12  treibt ihm ein Prediger auf einer Freizeit in Bielefeld den Teufel aus. »Ich musste mich auf den Fahrersitz seines Autos setzen. Dann hat der Prediger, der noch heute auf der Kanzel steht, meinen Kopf gefasst und versucht, ihn wie eine Zitrone auszupressen. Dabei schrie er, dass der Satan aus mir fahren solle«, erzählt der Rödinghauser.  


Mit 16 gelingt Vogt, der später auch in Fernsehsendungen über seine Erfahrungen berichtete, der Ausstieg aus der fanatischen Glaubensgemeinschaft. Auf einer Freizeit in Bremen packt er klammheimlich seine Tasche und steigt in den nächsten Zug Richtung Heimat. »Eine unbeschreibliche Freude durchflutete meinen Körper. Endlich war ich frei! Ich hätte es so hinausschreien können«, sagt er. Seine Eltern und die Prediger sind dagegen alles andere als  begeistert. »Sie haben mich mit negativen Prophezeiungen überschüttet, mir mit Krankheit gedroht, weil  Gott sich meine Abkehr nicht bieten lassen würde«.

 

Obwohl seine Eltern glauben, dass der Junge nur eine Krise durchlebt, gelingt Bernd Vogt dennoch der Absprung. Endlich kann er Fußball spielen, mit Freunden weltliche Musik hören, in Discos gehen. »Dabei hatte man mir doch eingetrichtert, dass die Bands vom Teufel besessen seien«. Als Fußballer erhält er den Spitznamen »Hexer«. Das macht ihn nachdenklich. »Kurz nachdem ich Jesus den Rücken gekehrt hatte, nannte man mich ‚Hexer‘. Schließlich war mir lange genug eingebläut worden, was Gott mit Zauberern, Wahrsagern und Hexern macht - er würde sie ausrotten«, sagt er.

 

So lässt ihn die Gehirnwäsche, die er als Kind erfahren hat, lange nicht los. Als Erwachsener fühlt er sich immer krank. Das zermürbt ihn. »Manchmal war ich an einem Tag bei drei Ärzten«, schildert er. Doch keiner kann eine Diagnose stellen. Später leidet er unter Depressionen, wird dazu auch noch körperlich schwer krank. »Ich war zeitweise nicht in der Lage, den Kinderwagen zu schieben«, berichtet Vogt von seinem Leidensweg. Mit 30 Jahren erlebt er fast eine Art Rückfall und droht wieder in die Freikirche abzugleiten. Erst dann wagt er es, sich psychologische Hilfe zu holen und beginnt in einem jahrzehntelangen Prozess, seine Kindheit und die eingetrichterten Glaubenssätze aufzuarbeiten. »Schließlich hatte man mir als Kind beigebracht, dass ich durch Heilmethoden wie Psychologie, Yoga, Autogenes Training etc. unter einen dämonischen Bann geraten würde«, schildert er.  

 

Mit seinem Buch gewährt der Rödinghauser Einblicke in die fromme Parallelwelt, von der der Normalbürger kaum etwas weiß; oder wie Vogt es in seinem Buch schreibt: »Er entführt die LeserInnen in ein Irrenhaus, das er Familie nannte, in eine »Heil«Anstalt, die er Gemeinde nannte«. Es sind mal tieftraurige, schockierende Schilderungen, dann wieder urkomische Szenen, die Bernd Vogt beschreibt, wie etwa sein verzweifelter Versuch, »im Freibad wie Jesus übers Wasser zu laufen«.

 

Mit seinem aufrüttelnden, ausgesprochen humorvollen Buch will er zeigen, was ein fundamentalistischer Glaube gerade bei Kindern anrichten kann, sagt er. Weil die strenggläubigen Gemeinden immer mehr Zulauf haben, warnt er vor charismatischen Predigern, sogenannten »Pastoren«, die Menschen in einer Lebenskrise mit einfachen Lösungen in ihren Bann ziehen und sich so ganz nebenbei ihre »schmucken Häuschen und dicken Autos« durch üppige monatliche Spenden der folgsamen Gläubigen finanzieren lassen. »In diesen Kirchen gibt es keinen Mief. Da wird gelacht, gesungen und gejubelt, was das Zeug hält«, berichtet er, »Neuankömmlinge werden mit Aufmerksamkeit und Zuwendung überschüttet – bis sich die Schlinge ganz langsam zuzieht«. Methoden, die Bernd Vogt aus eigener Erfahrung kennt. Methoden, die ihm seine Kindheit geraubt haben. Das möchte er heute jungen Menschen ersparen.

  • Taschenbuch: 280 Seiten

  • Verlag: BoD - Books on Demand; Auflage: 1 (9. März 2020)

  • Sprache: Deutsch

  • ISBN-10: 3750459487

  • ISBN-13: 978-3750459489

  • Größe und/oder Gewicht: 14,8 x 1,6 x 21 cm

 

Als Taschenbuch oder E-Book erhältlich - überall wo es Bücher gibt!